28.03.2011. Morningstar Experten sprechen im Interview darüber, wie Anleger auf die jüngsten Ereignisse in Japan reagieren sollten.
Jeremy Glaser und Christine Benz sind Experten für Marktstrategie und persönliche Finanzplanung.
Hr. Glaser, Sie waren früher Aktienanalyst. Wie beurteilen Sie nach den Kurseinbrüchen an den globalen Aktienmärkten die Bewertung der Unternehmen? Gibt es hier eine übertreibung nach unten oder spiegeln die Kursverluste einfach nur das gegebene Risiko wider?
Kurzfristige Schwankungen wird es immer geben. Anleger sollten sich bei ihren Investments nun genau überlegen, ob das Gewinnpotential eines Unternehmens durch die Ereignisse zeitweise oder sogar permanent beeinträchtigt ist. D.h. wo generiert ein Unternehmen seine Umsätze, wo stehen die Produktionsanlagen, sind Lieferanten von der Katastrophe in Japan betroffen? Wie wird sich die zukünftige Nachfrage nach den Produkten eines Unternehmens entwickeln? Unternehmen, die Produkte für die Kernindustrie herstellen, werden auf jeden Fall stark betroffen sein, doch bei Werten wie Coca-Cola oder auch Toyota Motors sollten sich der Einfluss doch in Grenzen halten. Toyota ist ein japanisches Unternehmen und stark auf dem Heimatmarkt präsent, ist aber weltweit tätig. Die globale Nachfrage nach Autos dürfte wohl nicht dramatisch einbrechen. Diese überlegungen helfen dabei, zwischen Lärm und tatsächlichen fundamentalen Problemen bei einem Unternehmen zu entscheiden.
Fr. Benz, wir befinden uns ungefähr zwei Jahre nach der letzten großen Krise. Können wir daraus etwas lernen, auch wenn die aktuelle Situation natürlich einige Unterschiede zur Kreditkrise aufweist?
Ich denke, ja. Natürlich waren die Marktbewegungen im Vergleich zu vor zwei Jahren viel geringer. Doch für damals wie für heute gilt, dass Panikverkäufe selten eine gute Idee sind. Wer sich dazu an den Tiefpunkten der Finanzkrise hinreißen ließ, verpasste die anschließende Erholung. Wir empfehlen immer, nicht impulsiv zu handeln, sondern die langfristige Anlageplanung im Auge zu behalten. Diese sollte für alle Anlageentscheidungen maßgeblich sein.
Die langfristige Perspektive ist also sehr wichtig. Sehen Sie durch das Unglück in Japan nun fundamentale Veränderungen auf lange Sicht? Wie sehen das Ihre Aktienkollegen, sind bestimmte Branchen besonders betroffen?
Wir sehen sicherlich keine massiven Verschiebungen, die alle Sektoren gleichzeitig betreffen würden, wie das ja bei der Kreditkrise der Fall war, als sich die Refinanzierungsbedingungen für nahezu alle Branchen verschlechterten.
Ein Sektor, der aber stark von den Ereignissen berührt ist, ist die Energiebranche. Die vermeintliche Renaissance der Kernkraft in den USA und vielleicht auch Europa dürfte so wie erwartet wohl nicht eintreten. Auch in Asien könnte sie gebremst werden. In der Nuklearindustrie dürfte sich daher die zukünftige Nachfrage verringern. Auf der anderen Seite wird vermutlich die Nachfrage nach Öl, Erdgas und Kohle steigen.
Hr. Glaser, die Märkte haben sich in den letzten zwei Jahren trotz verschiedener Probleme, z.B. der europäischen Schuldenkrise, erstaunlich gut entwickelt - trotz einiger Aufs und Abs. Was könnte Ihrer Meinung nach, auch über die Japankrise hinaus, für neue Volatilität sorgen?
Tatsächlich zeigten sich die Märkte erstaunlich gelassen, auch wenn man die Unruhen in Nordafrika bedenkt, wo noch ziemlich unklar ist, wohin die Entwicklung geht. Dann steht in den USA im nächsten Jahr wieder eine Präsidentenwahl an, mit Auswirkungen auf die Haushaltspolitik und die Strategien zur Bekämpfung des Budgetdefizits. Die europäische Verschuldungsproblematik steht ebenfalls noch auf der Tagesordnung. Vor zehn Jahren wären dies massive Krisen gewesen, doch scheinen sie in den Augen vieler im Vergleich zur Finanzkrise zu verblassen. Dies könnte sich aber ändern, je weiter der Höhepunkt der Finanzkrise zurückliegt.
Es besteht also genug Anlass zur Sorge. Wenn wir nun zum Schluss nochmals zu Japan zurückkommen. Unter der Annahme, dass sich der Atom-Super-Gau noch abwenden lässt: Wie könnte dort der Weg zum Wiederaufbau aussehen?
Diese Frage kann derzeit niemand beantworten. Das Wachstum wird kurzfristig sicherlich einbrechen, aber durch Wiederaufbaumaßnahmen wieder gestärkt werden. Geld wird nach Japan zurückgeholt werden, was der lokalen Wirtschaft ebenfalls helfen sollte.
Eine der wichtigen Fragen wird auch sein, wie das politische System in Japan auf die Krise reagiert. Mohamed El-Erian von Pimco argumentiert, dass die Krise lange verzögerten und dringend gebrauchten Reformen endlich den nötigen Rückhalt verschaffen könnte.
Es ist noch zu früh um zu beurteilen, ob dies so eintrifft. Aber auf jeden Fall hat Japan die Chance, letztendlich aus der Krise gestärkt hervorzugehen. Japan ist ein reiches Land, das über die nötigen Ressourcen verfügt, um seine Infrastruktur wiederaufzubauen.
17.03.2011
Quelle: » www.morningstar.de
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